Diagnose Spaltkind - Das Leid der Mütter in Indien

Maike Herrmann, Psychologiestudentin an der Universität Leipzig, untersuchte im Rahmen eines Praktikums bei der Deutschen Cleft Kinderhilfe fünf Monate lang in Indien die Auswirkungen der Geburt eines Spaltkindes auf die Mütter und deren Umfeld.

Wir haben die engagierte Studentin nach ihrer Rückkehr interviewt:

Stefanie Huter: Maike, wie kamst du auf die Idee, dein Projekt in Indien mit der Deutschen Cleft Kinderhilfe zu realisieren?

Maike Herrmann: Bereits 2013 habe ich über die Deutsche Cleft Kinderhilfe ein Praktikum in Peru absolvieren können. Während dieser zwei Monate in Lima habe ich erlebt, wie gravierend die Auswirkungen der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte eines Kindes auf die gesamte Familie sind. Mangelnde medizinische Versorgung, keine Krankenversicherung sowie fehlendes Wissen über Ursachen und Behandlung stellen eine große Belastung für die Familien dar. Als dann 2016 meine Masterarbeit in Psychologie anstand, beschloss ich, die Auswirkungen der Fehlbildung auf das Familienleben genauer zu untersuchen. Ich entschied mich für Indien, da es mit derzeit 18 Spaltzentren das Hauptprojektland der Deutschen Cleft Kinderhilfe ist.

Stefanie Huter: Was genau hast du während deines Aufenthaltes in Indien untersucht?

Maike Herrmann: Ende September 2016 habe ich angefangen, im südindischen Bundesstaat Karnataka meine Interviews mit Müttern von Spaltkindern zu führen. Ich wollte herausfinden, ob und wie sich die Fehlbildung auf ihre Beziehung zum Kind auswirkt und was die Mütter überhaupt über die Ursachen von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten wissen.

Stefanie Huter: Wie liefen die Befragungen ab?  

Maike Herrmann: Ich musste mich zunächst auf die völlig anderen Lebensumstände der Menschen einstellen. Viele der Familien die ich besuchen wollte verdingen sich als Tagelöhner und riskieren ihren Job, wenn sie einen Tag der Arbeit fernbleiben. Auch können sie es sich nicht leisten, auf ein Tageseinkommen zu verzichten. So lässt es sich erklären, dass ich manchmal nach fünf Stunden Busfahrt in ein abgelegenes Dorf trotz Verabredung vor der verschlossenen Tür einer Hütte stand.

Auch die Interviews liefen anders als ich es mir zunächst vorstellte. Bei den ersten Versuchen wollten die Väter den Raum nicht verlassen und beantworteten immer die Fragen, die ich den Müttern stellte. Sie konnten nicht verstehen, warum das ein Problem für mich war und meinten, eine verheiratete Frau wäre doch per se der gleichen Ansicht wie ihr Ehemann. Noch immer ist die Stellung der Frau in vielen indischen Familien schwierig und weit entfernt von unserer westlichen Vorstellung von Gleichberechtigung. Auch als ich dann alleine mit den Frauen redete, brauchte es eine Weile, bis sie sich öffneten.

Stefanie Huter: Was wissen die Menschen über die Ursachen der Fehlbildung?

Maike Herrmann: Gerade in ländlichen Gebieten wird den Müttern meist die Schuld an der Fehlbildung ihres Kindes gegeben. Weit verbreitet ist der volkstümliche Glaube, dass schwangere Frauen während einer Sonnenfinsternis nichts schneiden dürfen, da sie sonst ein Kind mit einer Spalte gebären würden. Etwa 50 % der Mütter nannten dies als Grund und nur ein Viertel wusste, dass zum Beispiel auch eine familiäre genetische Vorbelastung eine Rolle spielt. 

Stefanie Huter: Wie wirkt sich die Fehlbildung auf die Beziehung der Mutter zu ihrem Kind aus?

Maike Herrmann:
Die Befragungen haben ergeben, dass die mütterliche Bindung eher stärker ausgeprägt ist, da die Mütter mehr Zeit in die Pflege ihres Kindes investieren. Wenig überraschend ist das Ergebnis zum Stresserleben: im Vergleich zu Müttern von gesund geborenen Kindern berichten Mütter von Spaltkindern von mehr elterlichem Stress. Dabei zeigte sich, dass die Mütter in der Zeit vor der Operation ihres Kindes den stärksten Stress erleben. Als eindeutige Stresspuffer wirken gute Beziehungen im sozialen Umfeld und ein liebevoller Umgang der Familienmitglieder mit dem Spaltkind.

Stefanie Huter: Welche Schicksale sind dir besonders zu Herzen gegangen?

Maike Herrmann: Für alle Frauen war die Zeit vor der Erstoperation ihres Kindes besonders schwer. Pallavi, eine der Mütter, verließ das Haus nicht mehr mit ihrem Baby, um Fragen und Hänseleien von Nachbarn zu entgehen. Swapna litt sehr darunter, dass ihre Familie ihr Kind weder ansehen noch anfassen wollte. Und Nehas Mutter berichtete mir weinend, dass ihr Mann sie nach der Geburt wegen der Fehlbildung ihrer Tochter verlassen habe und sie nun für ihre drei Kinder alleine sorgen müsse. Dies sind nur einige der Schicksale, die mir sehr nahe gegangen sind.

Stefanie Huter: Was ändert sich für die Mütter nach der Operation des Kindes?

Maike Herrmann:
Enorm viel! Die Mütter erzählten mir, dass sich nicht nur das Füttern des Kindes und dessen Sprache durch die Behandlung verbessert hatten, sondern auch die Akzeptanz bei Familienmitgliedern und Nachbarn. Für die Frauen ist es eine völlig neue Erfahrung, ihre Kinder mit Stolz in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Auch die Eltern von Rajesh, der in Hyderabad operiert wurde, konnten ihr Glück kaum fassen. Sie haben selbst nie eine Schule besucht und verdienen als Arbeiter weniger als 3 Euro am Tag. Das reicht gerade aus, um die Familie mit dem Nötigsten zu versorgen. Die Behandlung für ihren Sohn hätten sie nie selbst bezahlen können.

Stefanie Huter: Wie lautet Dein Fazit über deine Zeit in „Incredible India“?

Maike Herrmann:
Zu sehen, unter welchen Bedingungen die Menschen gerade in ländlichen Gebieten leben, war immer wieder schwer. Dennoch hat mir die Arbeit in Indien viel Freude gemacht. Besonders berührt hat mich die Gastfreundschaft der Familien. Egal wie einfach die Behausung war, ich wurde immer mit frisch zubereitetem Chai (indischer Gewürztee) und hausgemachten Snacks von der gesamten Großfamilie empfangen. Da nur die wenigsten eine Küche haben, wurde der Tee draußen auf offenem Feuer zubereitet.

Die Dankbarkeit der Familien über die Hilfe ihrer Spaltkinder und die Freude über meinen Besuch waren riesig. Das wird mir unvergessen bleiben.

Spaltkind Neha mit ihrer Mutter vor der OP
Neha nach ihrer Operation
Maike beim Interview der Mutter eines Spaltkindes
Junge mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte mit seiner Mutter vor der OP
Im Operationssaal mit Dr. Vijay Kumar
Glückliche Mutter mit ihrem Baby nach der Operation

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